CERN, Weltuntergang und Übergewicht

Der Tag fing schon so komisch an. Auf den Straßen wurde gefahren, als wollten alle dem Jüngsten Gericht entkommen – Spurwechsel ohne Blinken, über die Kreuzung bei Dunkelorange – und der Fahrer der Straßenbahn, hinter der ich mit tremolierendem Gaspedal wartete, öffnete tatsächlich noch einmal die schon verschlossene Tür für einen rastalockigen Johannes-der-Täufer-Verschnitt. Alles sehr merkwürdig.

Wie anders soll aber auch ein Tag beginnen, der in die Geschichtsbücher unserer nächsten kosmischen Nachbarn eingehen wird als der Tag, an dem die Menschheit den Knopf für den Selbstzerstörungsmechanismus drückte? Zumindest hält das die eine Hälfte von Bloggern und Kommentarschreibern im Internet für das unausweichliche Ende der heute am CERN begonnen Experimente. Schwarze Löcher werden beim Zusammenprall der Protonenstrahlen, die wie auf der Flucht vor der Schwiegermutter mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die Röhre des Large Hadron Colliders bei Genf rasen, entstehen und alle Materie, derer sie habhaft werden können, verschlingen! Erst Genf, dann die Schweiz (zum Glück hab’ ich kein Nummernkonto dort) dann Europa und schließlich die ganze Erde (hat es doch nichts gebracht, meine Millionen in Dagobert-Duck-Manier im Keller zu lagern).

Während die andere Hälfte der Internetkommentatoren kritiklos den vermeintlichen wissenschaftlichen Fortschritt beschwört, sind ernstzunehmende Stimmen in der Kakophonie aus Verschwörungstheorien, Gottesbeweisen und -widerlegungen, Beschimpfungen und Belegen dafür, dass der geistige Horizont durchaus auch unterhalb des Meeresspiegels liegen kann, kaum zu hören.

Was für ein Chaos in den Köpfen! Allein auf der Website der Baseler Zeitung schreien über 500 Leser durcheinander. Und dabei ist beim CERN ersteinmal nur der teuerste Rummelplatz der Welt mit nur einem Karussel zu sehen: ein paar Protonen, denen vom ewigen im Kreis herum fahren sicher bald schlecht wird. Nicht auszudenken was passiert, wenn dort wirklich was passiert.

Schwarze Löcher, dunkle Materie und Antimaterie – mich interessiert an all dem nur eines: das sogenannte Higgs-Teilchen oder Higgs-Boson, dessen Existenz bisher nur theoretisch ist, ohne das aber eigentlich nicht erklärt werden kann, wieso Materie überhaupt Masse besitzt.
Den Beweis für die Existenz dieses Teilchens zu finden ist das vordringliche Geschäft des CERN-Experiments im LHC. Denn endlich würde es einen wissenschaftlich fundierten Weg geben, mit all den überflüssigen Pfunden fertig zu werden, die die Menschheit mit sich herum trägt. “Kommen Sie zu uns, wir entfernen Ihre Higgs-Teilchen! Sie verlieren in Sekundenbruchteilen Ihre lästige Masse! Die CERN-Diät nach Dr. Higgs – im ganzen Universum unerreicht!” Da sind doch die 3 Milliarden Euro für den Teilchenbeschleuniger wirklich gut angelegt. Und sollte es doch nichts werden mit der schnellen Gewichtsreduktion, dann stürze ich mich eben in das nächste schwarze Loch – das ist wenigstens eine endgültige Lösung.