Hauen und Stechen

In Duisburg verlieren 21 Menschen auf tragische Weise ihr Leben. Und noch bevor es irgendeine als gesichert geltende Erkenntnis zu Hergang, Zuständigkeiten und Verantwortung gibt, geht auf allen medialen Kanälen ein Hauen und Stechen an, dass einem schwindelig wird. Die Online-Redaktionen kommen gar nicht mehr hinterher mit Mahnungen, die Netiquette zu beachten oder mit dem Löschen der allerperfidesten Kommentare. Aber auch der Berufsjournalismus entblödet sich nicht, zwischen vermeintlich investigativer Berichterstattung und Verschwörungstheorien zur allgemeinen Treibjagd zu blasen. Wem soll das nützen, wenn die Medien schon unmittelbar nach dem Ereignis auf der Pressekonferenz Schuldsprüche und Verurteilungen erwarten? Das gab’s schon im Wilden Westen: erst schießen, dann fragen.

Wieder einmal präsentieren sich bei einem zu Herzen gehenden tragischen Ereignis die Deutschen als ein Volk von selbsternannten Staatsanwälten und Scharfrichtern. Wo sind die besonnenen Stimmen, die nicht reflexartig nach “teeren und federn” rufen?

In welch erbärmlichem Zustand ist diese Gesellschaft, dass der Mainstream der Meinungsäußerung aus Vorverurteilungen und Vorurteilen zu bestehen scheint – Leute wie Eva Herrmann, die eine Art Jüngstes Gericht herbeizitieren, eingeschlossen?

Es gäbe – wie aus jedem solcher tragischen Geschehnisse – etwas zu lernen. Aber das wollen wir wohl nicht – einen Fehler auch als eine Chance zur Entwicklung zu begreifen. Wir wollen Sündenböcke in die Wüste jagen, das lenkt so schön ab von unserem eigenen täglichen kleinen und großen Versagen.
Dem Tod der Einundzwanzig aus Duisburg geht so auch ein letzter Sinn verloren – unsere Hybris anzumahnen, wir könnten alles steuern, regeln und kontrollieren … und könnten uns, wenn das Leben den Gegenbeweis antritt, aus der Verantwortung stehlen. Davon wird man wohl kaum etwas hören – kein Wunder bei dem Geschrei allenthalben.