KuK – Uns fragt ja keiner

KuK – Uns fragt ja keiner (live)

Steintor Varieté Halle, Samstagabend, 20 Uhr: die Bühne ist bereitet für Heinz Rudolf Kunze und Sebastian Künzel (“Die Prinzen”)…
Aber hallo, ist das ein Test? Bevor mir Ahnungslosigkeit unterstellt wird, gleich die Auflösung für das erste Highlight des Abends: auf der Eintrittskarte steht tatsächlich “Sebastian”; der geneigte Bildungsbürger weiß jedoch, dass der Frontmann der “Prinzen” Tobias Künzel heißt … Wer immer auch diesen Bock geschossen hat – er passt wunderbar zum ersten Lied “Uns fragt ja keiner”, in welchem Heinz und Tobias beklagen, nicht so recht zum Zuge zu kommen (zB weil Tobias zwar fein singt, Sebastian aber feiner …)
Ein maßgeschneideter Auftakt zu einem interessanten Projekt, das sich Kunze und Künzel da vorgenommen haben. Sie wollen mal was Neues machen, sich beide von einer anderen Seite zeigen als von der sonst wahrgenommenen. Tobias sei eigentlich viel ernster als bei den “Prinzen” zu besichtigen und Heinz eigentlich viel lustiger, als die Redensart, zu seinen Platten müsse man Pistole und Strick mit ausliefern, vermuten lasse. Da spukt wohl ein bisschen Ödön von Horvath mit herum: “Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.” Nun, heute haben die beiden reichlich Gelegenheit, anders zu sein. Mit von der Partie sind am Piano Paul Millns, an der Gitarre Christof Stein-Schneider (Fury in the Slaughterhouse) sowie am Bass Peter Pichl, von Heinz liebevoll zusammen mit ihm und Christof als hannoveranisches Bermudadreieck vorgestellt. Hoffentlich geht keiner verloren auf der Bühne …
Was dann kommt, erweist sich im Rückblick doch als Überforderung für einen, der von diesem Konzert berichten will. Dreißig Titel, davon vierzehn nigelnagelneue, sechs Kunzsche scharfzüngige bis bitterböse Sprechtexte und zehn bekannte – sozusagen alte – Lieder der Protagonisten des Abends, wobei auch Paul Millns zwei Songs und Christof einen Fury-Titel beisteuert. Zum Glück für alle Gedächtnisamputierten wurde jedoch im Anschluss an das Konzert ein Mittschnitt des gleichen Abends – zwei Tage zuvor in Schwerin – auf USB-Stick (!) verkauft. Welch schöne Idee.
Um mit den “alten Sachen” anzufangen: Kunze und Künzel adaptieren gegenseitig ihre Songs und machen daraus wirklich schön gecoverte Kunstwerke. Ob Tobias “Dein ist mein ganzes Herz” als getragene Ballade singt, Heinz mit Feuerwerk gesteht “Alles nur geklaut”, Tobias wiederum Marlow anfleht, Mabel zu finden oder alle zusammen mit Heinz als Frontmann von Fury “Won’t Forget These Days” singen: das Puplikum ist begeistert, zeigt sich beim Mitsingen textsicher und veranlasst den Beleuchter immer wieder, den Saal zu erhellen, um den Jungs auf der Bühne diesen beeindruckenden Chor verteilt auf Parkett und zwei Ränge vorzuführen.
Wie sich KuK das gemeinsame neue Musizieren vorstellen, erhellt kaum ein Song besser als “Melancholie” bzw. sein Gegenstück “Euphorie”. Letzterer ist eine Parodie von Kunze auf den Titel von Künzel, zur gleichen Melodie mit leicht verändertem Arrangement und neuem Text, der aber letztlich zum Ausgangspunkt des ersten Titels zurückführt: “was du spürst, mach dir nichts vor, ist auch nichts weiter als ‘ne Parodie auf des Pudels Kern – Melancholie.” Beide berichten zudem Erstaunliches aus ihrem gemeinsamen Tun. So habe Tobias Änderungen an Heinz’ Texten vorgenommen (Heinz: “Das kenne ich so nicht!”), aber schließlich habe er das gar nicht mehr gemerkt!
Die beiden treiben das Puplikum mal schnell, mal langsam durch intellektuelle und emotionale Höhen und Tiefen. Vom höheren Blödsinn (“Uns fragt ja keiner”) über grundlegende gesellschaftsethische Fragen (“Was hätten wir davon”, “Ich will den kalten Krieg zurück”), verlorene Lieben (“Wenn Du sie siehst”), leicht psychedelisch Angehauchtes (“Wenn sie lacht”) hin zu bedrückend Ausweglosem (“Keine Luft mehr”), Teststreifen für bibelfeste Hörer (“A7”) und Erinnerungsversuchen an verschiedene deutsche Jugendzeiten (“Es war nicht alles schlecht”) bis zum Schocker aus Sprechtext und Song (“Die Patenschaft” und “Das Handy”), der ein ins Klo gefallenes Handy allemal als größeres Problem ansieht als offenen Rassismus. Hier verschlug es mir wirklich mal die Sprache und spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass man gut beraten ist, den Texten seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen.
Was fiel noch auf? Die unbändige Spielfreude der Fünf, der sichtbare Spaß fünf großer Jungs am miteinander Musizieren, der sich ohne Mühe bis in die letzte Reihe und den zweiten Rang hinauf mitteilte und auch schon mal darüber hinweg tröstete, dass das Zusammenspiel noch nicht so ganz aufeinander abgestimmt war, ein paar Einsätze wackelten, Instrumentalparts zu sehr im Hintergrund blieben und dergleichen Lässlichkeiten mehr. Alles kein Problem.
Ich war und bin begeistert! Und da Kunze und Künzel das KuK-Projekt auch als Experiment ansehen, das ihnen die Frage beantworten soll, ob es für ihr neues gemeinsames Vergnügen ein Puplikum gibt, hier die Antwort: selbstverständlich!!

Stephan Graumann

P.S.: Im Februar wird die CD zu “Uns fragt ja keiner” erscheinen, allerdings nur mit den neuen Titeln.